Dienstag, 2. August 2016

Kommentar

Kommentar zu einem Artikel aus der FAZ über den Untergang der Altbuchkultur

Mit Bestürzung habe ich im Pirckheimer-Blog den Abdruck eines Artikels aus der F.A.Z. „Altbücherland ist abgebrannt“ gelesen. Die Dramatik auf dem Gebiet des Altbuch-Verkaufs über die Antiquariate und damit der Geschäfte selber ist wohl kaum mehr zu überbieten. Das Verhältnis des Bildungsbürgertums, wie es so treffend im Artikel bezeichnet wird, zum Lesen und zu den Büchern im Speziellen hat sich schon seit langem zu einer traurigen Tendenz entwickelt, deren katastrophale Auswirkungen auf die Buchbranche im Grunde genommen absehbar waren. Selbst durch einen bevorstehenden Umzug besorgt, hatte ich einem auf alte Zeitschriften spezialisierten Antiquariat einige alte Jahrgänge früher begehrter Periodika angeboten. Die Rückantwort machte betroffen, denn was man noch vor geraumer Zeit liebend gerne angekauft hätte, fiel dem Verzicht zum Opfer, dass man keine Abnehmer für derartige Zeugen der Buchkultur mehr fände. Selbst namhafte Verlage distanzierten sich von meinem, nach ihren Einschätzungen reizvollen und unterhaltsamen Buchprojekt „Bibliophilen-Abend“ und versagten aus marktspezifischen Gründen ihre Bereitschaft zur Veröffentlichung.
Die Bibliophilie scheint den Weg ins Vergessen zu nehmen, denn das gesellschaftliche Leben wird zunehmend von der digitalen Welt dominiert, die ihre Nutzer den Zugriff auf alles Wissenswerte in leichter und verführerischer Manier bereit stellt. Da bedarf es nicht mehr vielem Nachdenken, wenn Menüs die Führung übernehmen. Es fehlt ohnehin an Zeit zum Lesen, da sich die Informationen täglich überschlagen. Auf diese Weise werden Menschen geformt und beeinflussbar gemacht, das zu tun, was die Bilderwelt über ihre zahlreichen Zugangswege bereit stellt.
Soweit zu den Vorbemerkungen meines Anliegens, das darin besteht, dass die wenigen verbliebenen Bücherliebhaber einmal darüber nachdenken, wie man derartigen Entwicklungen wirkungsvoll begegnen kann. Leider kann ich im Programm des nächsten Jahrestreffens der Pirckheimer keinen derartigen Tagespunkt erkennen, wo man sich den Entwicklungen auf dem Altbuchmarkt annimmt. Meines Erachtens ist es an der Zeit, vielleicht sogar höchste Zeit, dass die Bibliophilie aus ihrer Kemenate hervor kommt und Interessenten der breiten Masse der Bevölkerung zugänglich gemacht wird. Ich habe das bei Lesungen aus meinem o.g. Buch verspürt, dass man im Bibliophilen etwas Elitäres sieht, wenn man überhaupt wusste, was ein solcher darstellt. Um das zu ändern bedarf es öffentlicher Auftritte und attraktiver Publikationen, die mehr sind als Selbstdarstellungen. Wie kann man das erreichen? Eine Lösung vermag auch ich nicht aus der Tasche zu ziehen, aber mit gemeinsamen Überlegungen und der Einsicht, das Änderungen im Auftritt von Nöten sind, sollte es gelingen, dass ein Bibliophilen-Abend öffentliches und nicht nur das Interesse einiger weniger findet. An dieser Stelle erinnere ich mich wieder des Ausspruchs eines berühmten Zeitgenossen, der mir am Telefon sagte, „Was machen die Pirckheimer eigentlich?“, was ich zum Anlass meiner Erzählung aus der Welt der Bücher „Was machen Bibliophile eigentlich“ genommen habe. Bemerkenswert ist, dass trotz einer überaus positiven Rezension über den Essay aus berufenem Munde kein Pirckheimer das Heft bestellte, weil entweder der Blog nicht gelesen wurde oder die Selbstgenügsamkeit so tief verwurzelt ist, dass nichts, auch keine Frage das Befinden mit Neugier erschüttern kann. Und das ist genau der Punkt, Neugier und Veränderung zulassen und ergreifen, will man unter den Wellen einer Marktwirtschaft und des Fortschritts nicht ertrinken. Ich glaube nicht, dass ein Horten von Buchbeständen mit Zimelien eines Tages zum Erfolg führt, das Verhältnis zur Ware Buch hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert, unter anderem deshalb, weil die gesellschaftlichen Errungenschaften den Menschen in seiner Einstellung zu den Werten vereinfacht und verändert haben. Der flüchtige Genuss ist das Maß aller Dinge geworden, vergleichbar einer Kreuzfahrt in zehn Tagen in fünf Länder und acht Städte. Da hat das alte wertvolle Buch kaum eine Chance zur Entfaltung, es sei denn, es wird neu entdeckt.


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