Mittwoch, 21. März 2018

Werkstattnotizen - 29

12. April

Lebenslauf des Caspar H.
„Wie beginnt man eine Beschreibung seines Lebensweges, wenn der Anfang des Pfades im Dunkel des Bewusstseins liegt. Aus den Fotos und Erzählungen der Angehörigen lassen sich keine wirklich wichtigen Fakten herstellen, die unsere Gedanken und den Charakter prägten. Obgleich es für das Verstehen unseres Lebens von Belang wäre, was mit uns in den ersten Lebensjahren geschah, gibt es dafür keine sicheren Beweise. Und so setzen unsere Erinnerungen meist erst dann ein, nachdem unsere Seele schon ihre Formen aber auch Verformungen erfahren hatte. Gelegentlich lassen sich vielleicht aus den Erinnerungen unserer Eltern und deren charakterlichen Veranlagungen manches erraten, das zu der Persönlichkeit führte, mit der herumzuschlagen uns dann ein Leben lang vergönnt ist....Zwar schrieb schon Somerset Maugham, dass man mit Literatur keinen Leser zu erziehen vermochte, weil er im Grunde genommen von ihr nur unterhalten sein will, doch das war mir zu wenig für meine Fähigkeit, den Menschen, mit wohlüberlegten Texten, einen Spiegel vorzuhalten. Aber man wünschte keine Späne im Getriebe des Umsatzes.


08. April

Teil 2: Über geheimnisvolle Gedankenströme

Wie der Flügelschlag eines Vogels wallen die Gedanken eines Menschen hinter seiner Stirn. Von äußeren Reizen, wie Bildern oder Eindrücken und Informationen inspiriert, erhalten sie Anregungen, sich zu orientieren. Und da entstehen mitunter Situationen, bei denen man meint, sie seien zielbestimmt auf eine Beschäftigung gerichtet, die in ihrem Tun zwangsläufig nur so hätte von statten gehen können. Denn als ginge ihr eine bewusste Überlegung voraus, vereinen sich in solchen Augenblicken Sinn und Zweck zu einem Ergebnis, dass wie von einer Festlegung berufen sich planmäßig einstellt. Doch stattdessen zeigt sich Überraschung. Wie konnten wir so plötzlich wissen, dass genau jene Umstände notwendig waren, ein Ergebnis zu zeitigen, dem Zufriedenheit und Sicherheit anhaften. Geneigt, einer göttlichen Vorsehung Anerkennung zu schenken, besteht in solchen geheimnisvollen Momenten die Gefahr, dass man eine Vorstellung mit der Wahrheit vertauscht und einem gottgleichen Erschaffer allen Lebens seinen Glauben schenkt. Mag vielleicht vor Unzeiten, als die Menschen noch nicht so kenntnisreich um ihre Natur und Umwelt waren, aus solchen unheimlichen Momenten die Religion erstanden sein, der zum Nachdenken fähige Zeitgenosse sollte darin eine Aufgabe erkennen, sich seinen Gedanken mit unverhohlener Fantasie zu stellen.


07. April 2018

Aus dem Lebenslauf der Marion W.
...Lion suchte über das Internet alle möglichen Informationen über die Unbekannte zu erfahren.
Die Datenflüsse der Neuzeit gaben dazu reichlich Nahrung her, denn was ein Nutzer den elektronischen Medien einmal anvertraut hatte, lag dort für immer und ewig in einem Speicher, den abzurufen nur ein wenig Geschick und Ausdauer bedurfte, bis man sich ein Bild von scheinbar jeder beliebigen Person machen konnte.

02. April 2018
Schule der Gedanken

Teil 1 - Einführung
Als einen Gedanken betrachten wir einen Einfall oder eine Idee, ein Konstrukt eben, das im Prozess des Denkens entsteht. Interessant für meine Betrachtungen sei der Umstand, was dieser Prozess für unser Tun und Handeln bewirkt.
Zwar ist die Literatur voll von Beispielen, die ich zur Untersuchung heranziehen könnte, ich will hier aber einen besonderen Versuch wagen, der nahe am okkulten gelegen ist, wenig Beweisbares beinhaltet und zu jenen Dingen des Lebens gehört, denen atmosphärische Illusionen anhaften. Ich bemühe mich zwar hier des Begriffes der Übersinnlichkeit, meine allerdings etwas anderes zu beschreiben, bei dem kein Gespräch zu einer verborgenen Welt gesucht wird, sondern eine bestimmte Handlung vermittels von Gedanken gesteuert werden kann. Wer schon einmal den Versuch unternommen hat, das Verhalten eines Menschen durch Manipulation, d.h. gezielte Einflussnahme durch Vorbilder oder Versprechungen, zu bewirken, weiß in einem ersten Ansatz worauf ich hinauswill. Im Gegensatz dazu soll allerdings die Einflussnahme nicht durch ein verbales Geschick erreicht, sondern mit stummer Vorstellungskraft eine Handlungsfolge zu einem bestimmten Ergebnis herbeiführt werden. Pauschal ausgedrückt soll untersucht werden, auf welche Weise Gedanken dazu beitragen können, dass ein Ereignis zu einem gewünschten Augenblick führt.
Es ist hier nicht der Platz für einen philosophischen Exkurs und wir wollen zudem einem Allgemeinverstand mit diesem Artikel Rechnung tragen, weshalb Wert auf eine populäre Ausführung gelegt sei, dass in Folge seiner Veröffentlichung ein Diskurs unter meinen Lesern möglich werden kann. Zweifelsohne werden nicht alle Leser die Schule der Gedanken verstehen. Und wie es unterschiedliche Charaktere unter dem Geschlecht der Menschen gibt, die den Ansichten und dem Tun andersgeartete Verhaltensweisen entgegenbringen, so kann eine Schule der Gedanken nicht auf einen jeden Menschen maßgeschneidert werden. Es muss zu ihrer Fähigkeit eine Seele gehören, die zu den Unwahrscheinlichkeiten des Lebens bereit und nicht schon durch die strikte Logik alles Beweisbaren verfestigt ist.
Wir ahnen, dass, wie es dem Magnetismus eigen ist, unsichtbare Kräfte in der Natur vorhanden und physikalisch nachweisbar sind, doch darüber hinaus hält sie möglicher Weise noch einen Einfluss bereit, für dessen Wirksamwerden geheimnisvolle Kräfte erforderlich sind. Eine Mutmaßung als Zusammenspiel zwischen einem Medium und dem Menschen ist gemeint, der bestimmte empirische Voraussetzungen und Empathie eigen sind.
Fortsetzung folgt: Über Geheimnisvolle Gedankenströme


26.03.2018
Von der Demut des Dienens

Es soll hier nicht von der inneren Einstellung eines Menschen gegenüber irgendeinem Herren, Gott oder Schöpfer die Rede sein, sondern jener Haltung von Mensch zu Mensch das Wort verleihen, die als Brücke des Verständnisses über charakterliche Eigenarten zu schlagen ein Verhalten unterstützen sollte. Wie die Überschrift schon andeutet, geht es nicht um eine Anbetung, sondern sucht ein Tun zu beschreiben, dem positive wie auch negative Eigenschaften anhaften können und dem gelegentlich ein Sinnbild der Unterwürfigkeit vor dem geistigen Auge aufsteigt. Dem gegenüber steht eine andere Art des Verhaltens, die sich umkehrt und vom Wort her erhöht, der Hochmut. Anders als deren kleine Schwester, die Demut, hat er wenig mit dem Dienen gemein und fühlt sich auf eine Weise erhaben, die Ursache für manche, vielleicht sogar viele Probleme zwischen den Menschen ist. Aus ihr, der Hochmut, ragt ein Stachel, dem des Skorpions gleich, der einen Menschen vergiften und unter Umständen töten kann. Im Glauben, der Allwissende, alles Könnende zu sein, wird Ehrfurcht vor den natürlichen Dingen des Lebens von ihm mit Füßen getreten. Obgleich damit wenig geeignet, Vertrauen unter einen gesellschaftlichen Gemeinsinn zu säen, bestimmt Hochmut schon lange den Geist der Menschen und negiert alle Folgen, die sich aus seinem Tun gegenüber schwindenden Ressourcen ergeben. Doch kehren wir zum Grund und Boden zurück, dorthin, wo die Demut ihren Ursprung hat.
Der Philosoph Kant sagt über die Demut: Sie „ist so indirekt Indikator für die eigentliche Würde des Menschen als eines freiheitlichen Vernunftwesens.“ Als ein solches sich verstehen und begreifen ist angeraten, wenn der Mensch sich um die übermächtige Natur bemüht, weil sie ihm das Leben mit all ihren Schön- und Prächtigkeiten erlaubt.


„…magische Zuflucht, in die ich, so oft
ich geistig dazu bereit war, für Stunden
eingehen konnte, und wohin kein Ton
aus der aktuellen Welt drang.“
Hermann Hesse an Martin Hesse, 03.12.1943



21.03.2018
Das neue Projekt steht unter dem Motto, dass ich bereits in einem unveröffentlichtem Artikel als Schlusssatz gewählt hatte:
... dass sich der Mensch in erster Linie selbst verändern muss, bevor er seine Lebensbedingungen umgestalten kann.
Das Projekt enthält auch eine "Schule der Gedanken" und Gruppengespräche über das Zeitgeschehen. Ich weiß, dass ich damit vermutlich wieder wenig auf Gegenliebe stoßen werde, aber ich kann mich dem Geplauder der heutigen Literatur einfach nicht mehr anschließen. Unsere Lage auf diesem Erdenrund ist ernst, wann endlich beginnt die große Politik das zu verstehen. Für mich dient dieses Projekt der Selbstverständigung, mehr wird es nicht bieten können.

Das größte Glück auf Erden ist geliebt zu werden, schreibt Victor Hugo und ich ergänze, dass Glück zu bereiten, die eigentliche Bestimmung des Menschen sein sollte. Die Demut des Dienens.

22.03.18
Gilt auch für mich:
Je weniger man endgültig, je mehr man nur vorläufig, der Erinnerung und des Nachdenkens halber schreibt, desto mehr wird die Formulierung der verbindlichen Geschichte und der endgültigen Sätze zum Inbegriff des Glücks. (Aus Marbacher Magazin - Hermann Hesse Diesseits des Glasperlenspiels).

Donnerstag, 15. März 2018

Gedanken - 6

Ein Beitrag zu unserer Zeit.
Der Mensch hat seinen Aufenthalt auf der Erde schon lange verwirkt. Selenruhig wirft er ein Scheit nach dem anderen ins Feuer, darauf vertrauend, dass nichts Schlimmes dabei passieren und, dass sich schon irgendwer um den Brand kümmern wird.
Angetrieben von einer Lobby, die z. B. aus der Auto,- Banken- und Pharmaindustrie besteht, um nur die mächtigsten Verursacher dieses Feuers zu nennen, wird die Glut ständig am Leben und Auflodern gehalten, den Menschen damit einen Wohlstand und eine Sicherheit vorgaukelnd, die die Augen trübt, um die wahren Folgen zu erkennen.
Menschen, die mit Worten, Beiträgen oder Büchern darauf hinweisen, dass die Menschheit dabei ist, sich abzuschaffen, werden einfach ignoriert oder mundtot gemacht. Mit welchen Mitteln das geschieht, hat der Fernsehfilm, Gefangen – Der Fall K. mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle, eindrücklich geschildert. Sein Recht und seine Gedanken werden durch eine Lobby von Rechtsanwälten, Ärzten und Finanzberatern dem Wahnsinn anheimgestellt, so dass sich Basti, wie der Filmheld heißt, bald in einer geschlossen Anstalt wiederfindet, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Das ist nur ein Beispiel zügelloser Machenschaften, mit denen versucht wird, eine bestehende Gesellschaft mit allen Mitteln am Leben zu erhalten.
Gerade ist die Buchmesse in Leipzig eröffnet, wo es wieder eine Schwemme an Büchern zu besichtigen gibt, die mit Ihren Inhalten ein Abbild unserer Gesellschaft wiederspiegeln. Ein Überfluss, der zu 99 % von den eigentlichen Problemen auf dieser Welt abzulenken hilft. Das eine Prozent, dass Bücher von Autoren betrifft, die über den Tellerrand hinwegzusehen in der Lage sind, ist mit Sicherheit auch dabei, doch wer wird sie finden. Und wenn, dann ertönen ihre Stimmen unerhört im Wust der Besucher, die an Belanglosigkeiten vorbeischlendern und nicht merken, dass man ihnen zwar nicht ihren Glauben nehmen will, sie aber glauben macht, was sie glauben sollen.
Sie werden vermutlich diesen Beitrag, wie meine vorigen bereits auch, wieder nicht veröffentlichen, doch Sie sollen wissen, dass es Menschen und Autoren gibt, die sich Gedanken um unsere gemeinsame Zukunft machen und Ansätze dazu bieten, dass sich in erster Linie der Mensch selbst verändern muss, ehe er seine Lebensbedingungen umgestalten kann.
Pirna, am 16.03.18 Harald Kugler

Samstag, 3. März 2018

Gedanken - 5

Meinung zur Zeit

Immer wieder erscheinen Bücher, in denen unsere Zeit analysiert wird. Aber es ist längst kein Geheimnis mehr, dass das ständig angestrebte Wachstum, eine Grundbedingung der Marktwirtschaft, den Untergang der Menschheit bewirkt. Immer mehr Arten sterben dafür aus, weil der Mensch den Lebensraum auf der Erde für sich und seine Bequemlichkeiten beansprucht.
Die Zeit ist reif und längst überfällig, dem Menschen ans Herz zu greifen, dass er endlich versteht, was die Natur tagtäglich auf diesem Erdenrund zu erleiden hat. Nur wenn etwas schmerzhaft das Wesen der Menschen angreift, beginnt er wirkungsvoll darüber nachzudenken. Aber das ist wohl das Schwierigste mit der menschlichen Natur, sie erziehen zu wollen. In diesem Wort steckt das Verb „ziehen“, und das ist auf die persönliche Freiheit des Einzelnen bezogen das Problem an der Sache. Die Menschen haben sich dank der gesellschaftlichen Möglichkeiten zu selbstbewussten Individuen entwickelt, die sich ungern vorschreiben lassen, was sie zu tun und was sie in ihrem Lebensinhalt zu verändern haben. Aber wenn der bisherigen Wachstums-Entwicklung Einhalt geboten werden soll, muss gerade an der Psyche der Menschen eingehakt werden, dass sie sich in ihren Gewohnheiten auf „weniger ist mehr“ umstellen. Nur festzustellen, dass Wachstum den Untergang bedeutet reicht nicht aus, denn es interessiert im Grunde genommen keinen, weil die Auswirkungen des heutigen Tuns in der Zukunft liegen, einer Zeit, die wir alle, bis auf unsere Enkel vielleicht, nicht mehr erleben werden.
Schreibt man hingegen ein Buch über die Machenschaften der Marktwirtschaft (s. Projekt anbei) und versucht Lösungsansätze zur mentalen Veränderung der Menschen aufzuzeigen, interessiert das keinen Verlag und man muss auf einen Druckverlag zu eigenen Kosten ausweichen, dass wenigstens ein paar Leser erreicht werden. Der Hauptgrund dafür ist, dass auch bei den Verlagen die Gesetze der Marktwirtschaft greifen, es muss sich rechnen lassen, so dass mit kritischen Texten kaum ein Leser hinter dem warmen Ofen hervorgelockt werden kann. Und so drehen wir uns im Kreise eines Strudels, bis sich vielleicht irgendwann ein mutiger Verleger findet. Bis dahin beschäftigen wir uns mit der Regierungsbildung, den Fahrverboten für Dieselautos, Börsennotierungen und natürlich Neuerungen in der Mobilfunkbranche. Themen, die zeitgemäß sind und die von den notwendig mentalen Veränderungen ablenken aber zugleich zur Verfestigung des bestehenden Glaubens an die Marktwirtschaft beitragen.

Sonntag, 11. Februar 2018

Werkstattnotizen - 27

Ein streitbares Heft 19 in der Reihe der Einbogendrucke


Das Phänomen des Ostens – ein Essay

Um von Anbeginn dieses Textes richtigzustellen, welche geografische Region mit dem Titel gemeint ist, sei das folgende Zitat von Alexander Block angeführt:
„Für einen selbst wie auch für andere ist es von Interesse, sich zuweilen an die Geschichte der eigenen Werke zu erinnern. Umso mehr, als wir glücklichsten oder unglücklichsten Kinder unseres Jahrhunderts unser Leben überdeutlich eingeprägt in unserem Gedächtnis tragen. Unsere Jahre waren viel zu unauslöschlich gefärbt, leider, als dass wir sie vergessen könnten.“1
Als die Menschen dieser Region noch nicht vordergründig von einer marktwirtschaftlich geprägten Erwerbskultur geprägt waren, glomm in ihren Seelen noch eine Flamme, in deren Schein sich uneigennütziges Interesse an Kultur widerspiegelte. Die Buchläden zum Beispiel, überschaubar aufgestellt, ließen Neuerscheinungen schnell im eigens dafür hergerichteten Regal erkennen und machten nicht durch bildmächtige Aufmachungen von sich reden, sondern brachten ihren Plot auf eine gedankliche Frequenz, die hinter dem Spannungsbogen noch eine neue Erkenntnis für den Leser bereithielt. Buchhändler/-innen und Kunde waren sich meist über ihre Büchervorlieben vertraut und es kam einem familiären Verhältnis gleich, wenn eine gesuchte Neuerscheinung für den Stammkunden vorgehalten wurde. Vertrauen auf und gegen Vertrauen wurde ein Gemeinsinn im Handel gelebt, in dem nicht der Überfluss das Maß aller Dinge war, sondern der Mensch mit seinen Wünschen und seiner Anerkennung im Vordergrund stand. Gutmütig und geduldig, weil die Zeit in einem Maß verlief, dem Gefühl und Herz noch zu folgen vermochten, konnte man auch mehrere Wochen auf eine Buchlieferung warten. Umso erfreulicher und dankbarer war man dann für den Tag, an dem der lang ersehnte Band endlich in den Besitz gelangte. Eile hatte in dieser Zeit eine andere
1 Alexander Block aus „Vergeltung“


Maßeinheit, die sich die Bürger dieses Landes dann später leider aus den Händen nehmen ließen und sie gegen einen Algorithmus eintauschten, der ihrem Leben eine ungewollte Beschleunigung verhieß.
Nun nach Jahren zu ihrer Zufriedenheit befragt, einem marktwirtschaftlichen Instrument zur Datenermittlung mit optimierenden Hintergrund, macht sich Verwunderung breit, dass die so zutiefst herbeigesehnte große Freiheit nicht das Maß aller Dinge und Demokratiegestaltung von Politikern mit viel Eigennutz behaftet ist, Ängste und Gefährdungen aus der Zuwanderung Fremder in die Gedankenwelt der Bürger Einzug halten und die Zweiklassengesellschaft von mehr als der Hälfte der Bevölkerung im Lande gelebt werden muss. Die Kultur erhält bei solch einer Umfrage schon überhaupt keinen Stellenwert mehr.
Und noch einmal, als die Menschen dieser Region noch nicht vordergründig von einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Erwerbskultur geprägt waren, besaß Zufriedenheit eine andere Wertigkeit in der Bedeutung ihres Wortsinnes. Nahe gelegen an der Tugend Bescheidenheit und unterstützt von Zweckmäßigkeit, bildete sich dieses Lebensmerkmal zu einer Einstellung der Menschen, die sich aus Genügsamkeit, Bescheidenheit und ehrlichem Frohsinn speiste, dem Ängste fremd waren. Dass die damalige Demokratie keine war, kam einem Frevel gleich, der Betrug am Menschen zum System machte. Solcherart Politik kann auch im Nachhinein nicht gutgeheißen werden.
Der Titel, um den es mir mit diesem Essay zu tun ist, dem Phänomen des Ostens nachzuspüren, trägt sich aus diesen begonnenen Gedanken, dass den Bürgern der Neuen Bundesländer ein gelebter Gemeinsinn und eine Gutmütigkeit innewohnt, die die Marktwirtschaft von Anbeginn ihrer gesellschaftlichen Prägung auf dieses Zuzugsgebiet für ihre Zwecke der Gewinnoptimierung ausnutzte. Wie anders ist es zu erklären, dass nach 28 Jahren noch immer mit unterschiedlichem finanziellen Maß zwischen Ost und West bei
der Beschäftigungsentlohnung der Menschen gemessen wird. Wie kann bei solch einer Konstellation Zufriedenheit erwartet werden, wenn bei der Bewertung der Menschen bei gleicher Leistungsvollbringung schamlos auf deren Abhängigkeit spekuliert wird.
Aber kommen wir auf den Buchhandel zurück, denn er eignet sich wie kein zweites Beispiel für diese Geschichte. Viele kleine Buchläden und Antiquariate prägten damals vor 28 Jahren die Leselandschaft und ihre Inhaber verkauften mit Leib und Seele, was sie zuvor meist auch selbst gelesen hatten. Empfehlungen waren deshalb wie ein Bindeglied zwischen Leser und Verkäufer und nicht von einer Bestsellerliste vorgegeben, deren Zustandekommen unbekannter Herkunft und damit unpersönlich ist. In der Fülle und im Überfluss der Angebote, bestehend aus zahlreichen Ratgebern, Erfahrungsberichten, Schmökern über die Liebe oder Geschichten, Horror- bzw. mysteriöse Geschichten, Krimanalromanen ohne Zahl und Ende, um nur einen winzigen Teil der Buchlandschaft zu bezeichnen, wird jedes Signal unterdrückt, dass einem besonderen Buch innewohnt. Beim damaligen Buchhändler des Vertrauens fand sich die Suche nach einem Buch gut aufgehoben und es fehlten all die Randglossen von Bestseller, Prominenz, Kultautor oder Werbeauftritten, hinter oder unter denen sich ein Verkaufszweck organisiert. So wird Zufriedenheit demonstrativ gemacht, die in ihrem heutigen Wortsinn aus Verkaufszahlen besteht und nicht das reale Befinden der Menschen dieses Landes widerspiegelt. Was Wunder, wenn Zufriedenheit dann eine unerwünschte Vorsilbe erhält. Und setzt man die globale Betrachtungsweise an, kommt in dieser gegenwärtigen Umfrage ein Allgemeinbefinden der Befragten zum Ausdruck, das mehr verrät, als dem Zweck dienlich ist.
Treten wir nun zum Resümee an, bei dem Jammern, wie den ostdeutschen Bürgern vielmals unterstellt wird, ausdrücklich als Wort untersagt ist, denn es geht mir um das Phänomen der ostdeutschen Mentalität, die sich im Verlaufe weltumspannender Abgrenzung im besonderen Maße ausgebildet hat. Ohne eine
umfassenden Studie an dieser Stelle ihren berechtigten Raum einzuräumen, will ich nur das Allgemeine und nicht das Besondere anreißen und es als ein Phänomen herausstellen, das in seiner Ausprägung eine Stimmung erklärt.
Aufgewachsen in weitestgehend behüteten Verhältnissen, die frei von einem Kampf auf dem Arbeitsmarkt waren, hat sich bei diesen Menschen eine Einstellung manifestiert, die man trotz allem als märchenhaft und paradiesisch gefärbt bezeichnen kann. Mangel wurde durch Genügsamkeit, Gemeinschaft oder Organisationstalent ausgeglichen und das scheinbar Unabänderliche ihrer territorialen Eingrenzung als gegeben hingenommen. Wenn auch die Sehnsucht über die Ländergrenzen hinaus bei Vielen vorhanden war, so trug sie doch im Einzelnen einem Behütetsein Rechnung, wie sie Menschen eigen ist, die in einfachen Verhältnissen aufwachsen und in der Heimat fest verwurzelt sind. In all diesen, im letzten Absatz erwähnten, Tugenden kommen Grundfeste der menschlichen Seele zum Ausdruck, die dem Wohlbefinden ein Lager und den Menschen der heutigen Zeit ein Gefühl der Sehnsucht bereiten. So gesehen ist das Phänomen des Ostens ein unter einmaligen Bedingungen erworbenes Lebensgefühl, das möglicherweise Zukunft vorausnimmt.

Einbogendrucke, Heft 19, im Eigenverlag zu Pirna

Harald Kugler, Buchautor aus Pirna

Und hier der Auszug zu einer ersten Lesermeinung:


„Verstehen kann diese Zeilen nur, wer im Osten
lebte und dieses mit allen Stärken und Schwächen
verinnerlicht hat. Und auch von denen wird diese
Zeilen nur der akzeptieren, der nicht verdrängt, der
sein Bestreben, verstehen zu wollen nicht einer
sinnentleerten Hochglanzkunst, nicht dem
Irrationalen und der Verkehrung der menschlicher
Werte in ihr Gegenteil und einem Fetisch (Marx)
geopfert hat, kurz, wer seinen kulturellen
Anspruch nicht zugunsten der Angepasstheit und
des Bequemen aufgegeben hat.“
Abel Doering

Mittwoch, 7. Juni 2017

Werkstattnotizen - 26




22.01.18 Rezension zum Darwin-Projekt oder das Boa-Manuskript


Harald Kuglers Roman „Darwin-Projekt oder Das Boa-Manuskript“ ist eine faszinierende Geschichte, die dem Leser nicht nur eine spannende Lesezeit, sondern auch Gedankenanstöße liefert, die zum Nachdenken über alle Lebensbereiche anregen.
Zwei junge Männer finden bei ihren Gebirgswanderungen aus Zufall einen Teil eines Manuskripts, das sich als Protokoll von Sitzungen gewisser „GEOs“ entpuppt, die in sechs Sitzungen, den sogenannten „Boas“, über die mögliche Einflussnahme auf die gesellschaftliche Entwicklung und die Evolution des Menschen reden. Dabei verfolgen diese einflussreichen Persönlichkeiten ihre eigennützigen Zwecke. Über die Unglaublichkeit dieses Vorhabens erschüttert, begeben sich die Finder auf die Suche nach den weiteren Teilen und stoßen dabei nicht nur auf neue Verbündete, sondern auch auf Verfolger, die nicht vor illegalen Mitteln zurückschrecken, um ebenfalls in Besitz des Manuskripts zu gelangen. Je mehr die inzwischen kleine Gruppe von Wissbegierigen erfährt, umso unglaublicher und unfassbarer wird das, was sie zu lesen bekommen. Doch auch ihre Verfolger bleiben nicht untätig …
Das „Darwin-Projekt oder Das Boa-Manuskript“ hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen. Schon das erste gefundene Boa lässt den Leser erahnen, dass die weiteren Teile von einer Brisanz sein werden, die in der heutigen Zeit für einen immer größer werdenden Kreis von Menschen von immenser Bedeutung sind. Denn die Frage nach bewusster Manipulation der Massen stellt sich immer mehr.
Bis zum Schluss bleibt es jedoch spannend, wie die „GEOs“ ihre Pläne weiter ausbauen und dabei zur Einflussnahme auf die Entwicklung des Menschen keinen Lebensbereich auslassen. Das vom Autor brillant entwickelte und erdachte Zusammenspiel von menschlichem Entwicklungsdrang, dem Wunsch nach geistiger Erfüllung und materieller Sicherheit auf der einen Seite und den Lebensbereichen Kunst und Kultur, Werbung, Marktwirtschaft, Politik und Gesundheitswesen auf der anderen Seite ist für den Leser so gut nachvollziehbar, dass das entwickelte Szenario durchaus genauso stattgefunden haben könnte. Dies führt nicht nur zu einem Leseerlebnis, bei dem die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht erhalten bleibt, sondern auch zum ausführlichen Nachdenken über die heutige Gesellschaft, deren Einflüsse und Werte sowie der Frage: „Was wäre, wenn …“
„Darwin-Projekt oder Das Boa-Manuskript“ ist ein überaus empfehlenswertes Buch, das im Leser noch lange nachklingt und bei bewusstem Umgang mit dem Inhalt eine Gesellschaft hinterfragt, die ihrem selbst erschaffenen „Gott“ folgt und dabei allzu oft vergisst zu hinterfragen, wem sie eigentlich dient.

Petra Liermann

In der Sächsischen Zeitung vom letzten WE (20./21.01.18) war ein interessanter Artikel über Modrow, dem ehemaligen Bürgermeister von Dresden, der jetzt 90 Jahre alt wird und die ehemaligen Machthaber der DDR gut kannte. Er schreibt zum Schluss etwas über die Chinesen, was sehr aufschlussreich ist und mich mit meinem Buch bestätigt:
"China, ...zeigt heute eine Alternative zum Kapitalismus von heute (Li Xinping sagt, er wolle ein Land schaffen mit einem mittlerem Reichtum - mit dem Ansatz, ein schöneres Leben für alle Bürger zu entwickeln). Ob das die Chinesen in der Mitte diesen Jahrhunderts dann Sozialismus nennen oder anders, wird sich zeigen. Worum es mir geht: Angesichts der globalen und auch der deutschen Situation reicht es nicht, immer nur in den Kategorien eines besseren Kapitalismus zu denken, sondern in Kategorien einer grundsätzlich alternativen sozialeren Gesellschaft vorzustoßen. Es geht schließlich um das Leben und Überleben auf unserer Erde." Einen Text wie diesen, habe ich versucht in meinem Roman auszumalen. MfG von H. Kugler



Aus dem 3. Boa
Finch Schön: Was gilt mir alle Theorie, wenn mein Gefallen auf dem Spiel steht. Ändern vermag ich das Große und Ganze ohnehin nicht, was soll ich da rühren und in ein Getriebe eingreifen, dessen Mechanismus mir fremd ist. Nach der Gier kommt das Genießen, und ich werde einen Teufel tun, meine Pfründe zu beschneiden. Mit Brot und Spielen wird zudem die Langeweile genommen und sie erfüllen die Seele mit Freude und Lust.

Aus dem 4. Boa
Lexus Baader: Werte sind flüchtig und unbestimmt wie der Wind, weshalb ihr Charakter dem Fließen des Wassers gleicht. Man glaubt sie mit den Händen greifen zu können, da rinnen sie schon wie Sand durch die Finger. Es gibt nichts, was treuloser ist. Das ist zugleich eine große Herausforderung für Schaffende, ständig neue Ideen zu haben, dass den Menschen ihre Neugier erhalten bleibt. Das beste Mittel dazu sind Vorbilder, die in der Öffentlichkeit etwas darstellen. Dies reiht sich an unsere vorige Sitzung, in der wir über Brot und Spiele sprachen. Womit ich gleichzeitig anzudeuten suche, dass all unsere Sitzungen ein Ganzes zu einem bestimmten Zweck sind.






Mittwoch, 28. Dezember 2016

Gedanken - 4

Nachdenkliches zum Zeitgeschehen:

07.12.2016
Es trafen sich im Blick zwei Freunde. Das waren Kleinauf und Großrunter, deren Sichtweisen auf die Welt unterschiedlicher nicht sein konnten. Kleinauf hatte von seinem Standpunkt schon einen verhornten und starren Hals, während Großrunter gönnerisch und nicht ohne höhnisch gespielten Schmerz das Treiben in den Niederungen betrachtete. Beiden allerdings war gemein, dass sie aufeinander angewiesen waren, denn Kleinauf waren die Hühneraugen am Fuße von Großrunter.

09.12.2016
Was ist bloß aus uns geworden.
Abhängig von einer Welt, die wir kaum mehr kontrollieren können, während die Macher derselben es ganz gut verstehen, jeden unserer Schritte zu kontrollieren.
Spielpuppen zur Manipulation jeglicher Art, die wir sind, werden wir auf digitale Plattformen, in imaginäre Postfächer oder in Warenkörbe gehetzt. Sie sagen uns, was wir tun und welche Wünsche wir haben sollen.
Wenn ein Mensch stirbt, merkt es ein Baum nicht, doch wenn ein Baum vernichtet wird, fühlte der Mensch den Verlust in der Seele. Merken wir das noch?

20.12.2016
„Wenn du für den Menschen schreibst, belädst du ein Schiff. Doch nur recht wenige Schiffe erreichen den Hafen. Sie versinken im Meer“, schreibt Saint Exupéry in den Sand der Wüste. Was will uns das heißen? Wir brauchen Bücher, in denen die Worte einer Geschichte nicht vorzeitig ihre Leuchtkraft verlieren. Mir scheint, der Franzius Verlag arbeitet daran. In diesem Sinne schöne Weihnachten Euch allen, die ihr Freunde, Leser oder Begleiter seid.

28.12.2016
Aus einem Artikel der gestrigen Sächsischen Zeitung zum Buch von Roger Willemsen (1956-2016) „Wer wir waren“, erscheint beim S. Fischer Verlag posthum.
„Ja, wir wussten viel und fühlten wenig“, schreibt Willemsen, eine beängstigende Retrospektive einer fiktiven Sicht aus der Zukunft auf die Gegenwart. „Emsig bemüht sich abzulenken, mehr mit Selfies als mit Selbsterkenntnis beschäftigt“, kommentiert Rainer Kasselt dazu. Erklärt sich daraus das wachsende Phänomen nach fantastischer Literatur und mystischen Geschichten, die zu Bestsellern werden, während nachdenkliche Literatur in den Bücherregalen verkümmert und wenig Aussichten darauf hat, eine interessierte Leserschaft zu erreichen? Der Roman „Das Glasperlenspiel“ ein nobelpreisgekrönter Roman von Hermann Hesse, hätte es heute beispielsweise wahrlich schwer, akzeptiert zu werden. Und Willemsen fügt hinzu: „Lasst euch nicht verführen von Wahn und Werbung, kapituliert nicht, erklärt euch nicht einverstanden mit der Welt, wie ihr sie vorfindet.“ Ein schönes Schlusswort, wie ich finde, für das ausklingende Jahr 2016.



Donnerstag, 24. November 2016

Das Kaleidoskop einer Leidenschaft


Das „Kaleidoskop einer Leidenschaft" von Harald Kugler, mehrfach am letzten Wochenende auf der artbook.berlin nachgefragt und bisher nur in einer Kassette mit 12 Einbogendrucken erschienen, ist in Kürze nun auch als Buch erhältlich.
Die Einflüsterer“ erzählen von der Ruhe und Gelassenheit, die vom Besitz der Bücher ausgehen. Stolz präsentiert ein Wanderer in 3509 Meter Höhe auf dem „Hochfeiler“ seine Liebe zu den Büchern mit einem Vortrag von Friedrich Schillers Glocke. In „Der Bibliothaph“ wird erzählt, was der Besitz von Büchern über ihre Eigentümer verrät und „Was machen Bibliophile“ ist eine fachspezifische Ergänzung dazu, die zu ihrer Darstellung auch einen Essay von Karl Wolfskehl bemüht. Die Erzählung „Opa Erler“ ist die erlebte Bilanz eines Lebens inmitten und an der Seite von Pflanzen, die uns mit ihrer Vergänglichkeit Geduld lehren. Anders ist dagegen der besessene Sammler in „Glücksschmiede“ charakterisiert, dem der Zufall ein großes Glück beschert. Die Geschichte um „Die Versicherung“ zeigt in ihrem komödiantischen Verlauf die Schutzbedürftigkeit wertvoller Bücher, während „Das Bücherdreieck“ das Vermächtnis der Bücher umreißt. In „Was willst?“ wird das Schicksal einer außer Kontrolle geratenen Bücher-Sammlerfamilie aus dem Munde eines Kindes erzählt und „Gernot“, der eine strenge Kindheit erfahren hat, sucht auf eigene Faust Bestimmungen für sein Leben, was ihn am Schluss mit seinen Eltern versöhnt. In „Abschied“ wird das Unvermeidliche eines jeden Sammler- und Bücherliebhaberlebens dargestellt und zu einem schicksalhaften Abschluss gebracht, womit sich am Ende des Kaleidoskops auch die Erzählung „Von unsichtbarer Hand“ befasst, die aus der Benutzung von Büchern zu einer Lebensrückschau animiert.

14 € | Hardcover | 195 Seiten
Bestellung: harald-kugler.de.